Kapitel 2

Aus dem Leben des Torian Gnottertrotter
(Tagebuch vom 12.05.15)

Zunächst aber, die anderen waren noch mit ihrem blutigen Geschäft beschäftigt, schaute ich mich ein wenig um. Meinem scharfen Blick entging dabei nicht, dass das Bauernhaus nicht nur einfach abgebrannt war. Vielmehr wiesen zwei dünne Brandspuren darauf hin, dass hier eine Brandstiftung stattgefunden hat. Messerscharf schloss ich daraus, dass die Kobolde hierfür nicht verantwortlich gewesen sein konnten; denn Kobolde sind nicht nur hässlich sondern vor allem auch dumm. Eine Fackel mögen sie in ein Haus werfen können, doch eine brennende Spur zu legen, um aus dem Hinterhalt, noch dazu möglicherweise unbeobachtet so eine Tat verrichten zu können, dazu fehlt ihnen der gnomische Intellekt.
Zeit also, die Kobolde zu verhören, um herauszufinden, wer sie geschickt hat. Natürlich beherrschte ich die Sprache dieser verruchten Wesen perfekt. Das Drakonische war schon immer meine Leidenschaft, doch die Aussprache und primitive Grammatik, derer sich diese unflätigen Kreaturen befleißigten, war einfach erbärmlich und schmerzte geradezu in meinen empfindlichen Ohren. Doch es war notwendig, mich mit den Kobolden zu unterhalten, denn selbstverständlich waren meine Begleiter aufgrund ihrer sprachlichen Beschränktheit nicht in der Lage, eine Konversation mit dem Geschmeiß zu pflegen. Die Befragung der beiden ergab schließlich, dass sie im Auftrag ihres Häuptlings Kutkut – welch primitiver Name – hier seien, um Nahrung nicht nur für den Stamm sondern auch für ihren Drachen zu sammeln. Ihren Drachen! Na klar. Kinder, stellt euch vor, ein mieser, kleiner Kobold behauptet steif und fest, sein Stamm habe einen Drachen. Und ich frage euch, welcher Drache würde sich soweit erniedrigen, um mit Kobolden zu kooperieren. Gemeinhin kommen sie für derart ehrwürdige Wesen allenfalls als Nahrung infrage. Doch unsere beiden Gefangenen ließen sich, übrigens unabhängig und getrennt voneinander, nicht von dieser haarsträubenden Behauptung abbringen. Da war etwas faul im Staate Sembia. Mir war sofort klar, dieser Sache mussten wir nachgehen. Wir banden den einen Kobold in der Scheune an und ließen uns von dem anderen zu dem Lager des Stammes führen. Natürlich zierte er sich zunächst, doch wenn meine Überredungskünste damals auch noch nicht so überragend waren, mein Dolch verfehlte seinen Charme nicht, als ich ihn damit zu motivieren vermochte.

Das Lager der Kobolde stellte sich als eine unterirdische Höhle heraus. Ein schmaler Gang führte in einen Hügel und dann leicht abwärts. Unseren nur bedingt freiwilligen Führer sandte Boendalin ins Reich der Träume, da er uns hier mehr behindern als nutzen würde. Darauf folgten wir dem Gang weiter, bis er sich zu einer kleinen Höhle öffnete. Hier lagen einige angenagte Koboldleichen herum. Offenbar hatten die drei Riesenratten, die ausgesprochen wohl genährt und vor allem satt erschienen, vor nicht allzu langer Zeit an ihnen ein köstliches Mahl gefunden. Die Ratten waren zwar träge und schienen keinen Appetit auf uns zu haben, doch behielt ich sie argwöhnisch im Auge, als wir an ihnen vorbei in einer weiteren Gang einbogen und die Höhle schließlich hinter uns ließen.

Nur wenig später stießen wir auf zwei Koboldwächter, die aber - wenig überraschend – zu unaufmerksam waren, um uns zu bemerken. So waren sie tot, bevor sie überhaupt mitbekamen, was sie denn das Leben kostete. Erwähnte ich schon mal, dass es durchaus sinnvoll ist, Jemanden bei sich zu haben, der nicht nur über einen starken rechten, sondern auch einen ebenso starken linken Arm verfügt?
Schließlich erreichten wir die Haupthöhle, in der sich eine Handvoll Kobolde aufhielt. Ich sah die Zeit gekommen, zu der ich meine arkanen Künste einsetzen musste, um meinen Kameraden beizustehen. So wirkte ich eine kleine Conjuratio und rief einen celestischen Kampfhund herbei. Ja, ich weiß, warum keinen mächtigen Baatezu? Ich sagte doch, ich war damals noch jung und unerfahren…

Es entwickelte sich ein heftiger Kampf, bei dem wir selbstverständlich weit überlegen waren, doch die schiere Anzahl der Feinde – es stießen immer mehr Kobolde aus einer benachbarten Höhle hinzu – drohte uns doch zu überwältigen. Schließlich schloss sich auch der Häuptling dem Kampf an. Ich war überrascht zu sehen, dass auch er mit arkanen Kräften umzugehen verstand. Er war also so etwas wie ein Schamane. Mit einer primitiven Form des Ignis Mani setzte er Boendalin zu, welcher darauf in einen Kampfrausch verfiel. Doch der Häuptling war nicht allein. Er war in Begleitung eines Wesens, welches die unwissenden, primitiven Geschöpfe wohl als Drachen verehrten, welches ich natürlich aber sogleich als einen Feuerelementar identifizierte. Das erklärte dann auch die verbrannte Spur und die abgebrannte Ruine des Bauernhauses.

Nun, der Kampf wog hin und her und mit Hilfe eines Simulakrums schlug ich einen Gegner in die Flucht. Doch als dann der tapfere Gideon zu Boden ging, sandte ich ein Stoßgebet an Mystra, sie möge uns beistehen. Und meine Rufe wurden erhört. Mit letzter Kraft gelang es Boendalin und mir, auch den letzten Gegner zu töten. Die Gefahr, die von den Kobolden und dem „Drachen“ ausging, war gebannt. Ich nahm die Essenz des Feuerelementars an mich, und wir nahmen noch all das an uns, was von wert war. Dann schulterte Boendalin unseren bewusstlosen Gefährten und wir verließen die Höhle durch einen weiteren Ausgang.

Wir waren überrascht, beim Bauernhof nicht nur Gel und seine Familie, sondern auch eine närrisch gekleidete Gestalt vorzufinden. Dieser nannte sich Matthies und es stellte sich heraus, dass er nicht nur ein Mann der arkanen Künste war, sondern dass er auch für das Feuerelementar verantwortlich war, welches ihm „abhanden“ gekommen war. Mir unverständlich, wie so etwas von statten gehen sollte, doch es war wie es war. Ihm schien die Sache auch sehr unangenehm zu sein, und er erklärte sich auch gleich bereit, für den Wiederaufbau des Hauses zu sorgen. Uns wiederum bot er großzügig eine Belohnung an, weil wir verhindert hatten, dass sein Geschöpf noch weiteren Schaden anrichten konnte. Obendrein gewährte er uns noch einen nicht unerheblichen Bonus, wenn wir zukünftig nicht allzu freizügig im Umgang mit der Information seiner Beteiligung umgehen würden. Nun ja, er zahlte gut, und warum sollte man ihn mit diesem doch eher kleinen Fehler kompromittieren. Also nahmen wir den Bonus an und gelobten, seine Beteiligung und die des Feuerelementars nicht weiter zu erwähnen.
Leider entschied sich Chanis, beim weiteren Aufbau des Hauses zu helfen und der Bauernfamilie während der kommenden Wochen beizustehen. Eine rührende Entscheidung, doch uns übrige zog es in die zweifelhafte Zivilisation von Neukaff… äh Altburgdorf zurück. Dort sollte zunächst der Chaunteatempel unser Ziel sein, wo sich speziell Gideon aber auch Boendalin Linderung seiner Schmerzen erwartete. Und nach den Strapazen dieses harten Tages erwartete mich erst einmal ein weiches Bett und hoffentlich ein Bad.

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