Kapitel 1

Aus dem Leben des Torian Gnottertrotter
(Tagebuch vom 05.05.15)

Also, Kinder, nehmt Platz und hört, was euer Onkel Torian so alles erlebt hat. Ihr müsst wissen, damals, als ich noch jung war, war ich noch unerfahren und noch längst nicht mit den arkanen Kräften versehen, die ich heute zu meistern verstehe. Natürlich, und das muss ich hier in aller Bescheidenheit sagen, hatte ich dank meiner schon damals ausgeprägten Intelligenz und meiner hervorragenden Ausbildung ein gewisses Rüstzeug, um meine Abenteuer zu bestehen, doch war es damals sehr ratsam, mich einer Gruppe anzuschließen. Denn wir bereisten Lande, die noch unerschlossen und daher äußerst gefährlich waren. Sogar für mich…

So begab es sich, dass ich mich in Begleitung dreier Mitstreiter befand, als ich erstmals meine Akademia verließ und mich unerschrocken ins Leben aufmachte. Der erste Streiter war ein Zwerg, groß für seine Rasse und von kräftiger Statur. Ein wilder Krieger mit Namen Boendalin. Was ihm an Kraft gegeben war, fehlte ihm ganz offenbar im Kopf und von Reinlichkeit hielt er auch nicht viel. Doch erschien er mir zuverlässig und bei Mystra, ich würde seine Kraft noch zu schätzen lernen.
Der zweite im Bunde war ein schlanker, hochgewachsener Mensch Namens Gideon, der mir nur allzu zwielichtig vorkam. Sein Geschick im Umgang mit seinen Dolchen, solche, die man Kukri nennt, zeichnete ihn aus. Ich war mir damals seines Charakters noch nicht so sicher und hielt ein waches Auge auf ihn.
Und dann war da noch Chanis, eine Halbelfe und Naturkundige. Sie war von zierlicher Gestalt, doch von innerer Kraft erfüllt. Sie hatte ein ruhiges doch bestimmtes Wesen und erschien mir, was ihre Heilkunst und arkane Macht anging, durchaus kompetent. Natürlich konnte auch sie mir nicht das Wasser reichen, doch ihr Wissen in Dingen der Natur musste ich neidlos anerkennen. Wie gesagt, ich war noch unerfahren…

Ja, mit diesen drei Gefährten zog ich in die neu besiedelten Lande und gelangte ins Fürstentum Goldenlichtung, genau genommen nach Altburgdorf. Mir schienen die Bewohner ein wenig verklärt ob ihrer Heimat zu sein, denn an diesem ganzen abgelegenen, fernab der Zivilisation gelegenen Fleckchen war mal so gar nichts golden. Erst Recht keine Lichtung. Altburgdorf erwies sich auch nicht gerade als passender Name für diesen Ort. Es war eher ein Dörfchen und mit seiner Gründung vor acht Jahren auch nicht wirklich alt. Vielleicht wäre Neukaff passender gewesen. Und als Gipfel der Hybris erwies sich die Burg des Fürsten. Sie hieß Silberglanz, dabei glänzte hier absolut gar nichts. Es war ärmlich, unsauber und rückständig. Aber na ja, die Bewohner waren offenbar stolz auf ihre Heimat, und wer war ich, dass ich ihnen das ausreden sollte.

Man hieß uns, den Fürsten aufzusuchen, wie es Brauch war. Also begaben wir uns zur Burg. Also eher ein Herrenhaus. Doch zumindest erwies man uns die Ehre, direkt beim Fürsten vorsprechen zu dürfen. Erfreulicherweise zeigte sich Fürst Gerald, der in Begleitung seiner Gemahlin Aurelia war, als zuvorkommender und höflicher Gastgeber. Er begrüßte uns und hieß uns willkommen. Sogar eine Mahlzeit und ein warmes Bett bot er uns an, was ihn mir auf Anhieb sympathisch machte. Die Fürstin Aurelia zeigte sich als eine Kundige der Arcana, was mich sehr interessierte. Vielleicht ergab sich hier fernab der Zivilisation doch noch die Möglichkeit, meine Kenntnisse der Macht zu vertiefen.
Allerdings wurde unsere Audienz von einer Familie gestört, der offenbar Schlimmes zugestoßen war; denn sie waren mit Ruß überzogen und mit Wunden übersät. Die liebliche Chanis bat gleich ihre Hilfe an und versorgte die Schnitte an Armen und Händen. Reinlichkeit konnte nie Schaden und so tat ich mein Übriges, um ihre ärmliche Kleidung in zweifelhafter Sauberkeit erstrahlen zu lassen. Zumindest wurde damit auch der doch garstige Brandgeruch reduziert. Gel und Uta, so nannten sich die Eltern, kamen mit ihrem kleinen Sohn von einem nahe gelegenen Hof. Ihr Wohnhaus war ihnen abgebrannt und sie wussten nun nicht, was sie tun sollten. In einer kurzen Unaufmerksamkeit murmelte ich etwas von „wieder aufbauen“, was alle Anwesenden als großzügiges Angebot meinerseits auffassten, diesen Bauern genau dabei zu helfen. Manchmal, aber auch wirklich nur manchmal, beschleicht mich das Gefühl, dass auch Schweigen eine Tugend ist.

Man beschloss, am kommenden Morgen zu diesem Hof aufzubrechen, und das Haus wieder aufzubauen. Nach einem vorzüglichen Mahl wollte ich mich eines Bades erfreuen, doch Sackus, der Diener des Fürsten verwies mich auf den Waschtag… in vier Tagen. So lange wollte ich dann doch nicht warten und erkundigte mich nach einem See. Auch Chanis war eines Bades nicht abgeneigt und so zogen wir in Begleitung unserer beiden nicht ganz so reinlichen Mitstreiter zu dem uns beschriebenen See. Das Wasser erwies sich als kühl, doch genoss ich das kühle Nass und wusch mir den Staub der Reise vom Körper. Auch Chanis badete, doch im Gegensatz zu mir zeigte sie keine Scheu, als sie, wie die Götter sie geschaffen hatten, in das Wasser sprang. Es war ein geradezu… äh… angenehmer Anblick. Und Kinder, ihr könnt mir glauben, wenn sie nur halb so groß gewesen wäre, hätte ich mich in diesem Augenblick in sie verliebt. So aber war es eine willkommene Abwechslung zu dieser tristen Umgebung. Und ich war froh um das kalte Wasser, welches meine Lenden herunterkühlte. Der Anstand gebot, nicht Maulaffen feil zu halten, und so beendete ich rasch mein Bad und legte mich zum Trocknen ans Ufer. Wenige Zeit später traten wir dann den Rückweg an. In der Burg angekommen, begaben wir uns, da es bereits spät war, in unsere Betten und hatten eine angenehme Nacht.

Am nächsten Morgen zogen wir nach einem ausgiebigen Frühstück mit der Bauernfamilie zu deren Hof. Ich war froh um mein Maultier, musste ich doch die gut vier Stunden nicht zu Fuß zurücklegen. Als wir den Hof erreichten, wurden wir einiger Schatten gewahr, die offenbar das Vieh aus der Scheune stehlen wollten. Gideon erkannte in ihnen Kobolde, die bei unserem Anblick die Flucht ergriffen. Meine drei Gefährten machten sich sogleich an deren Verfolgung. Überstürzte Aktionen hingegen waren nicht meins, und ich erkannte sehr wohl, dass es durchaus klüger war, bei der Bauernfamilie zu bleiben, um für deren Schutz zu sorgen. Meinen Mitstreitern gelang es, das halbe Dutzend Kobolde aber auch ohne mich ohne nennenswerte Probleme zu besiegen, wobei wohl einem die Flucht geglückt war.

Wir waren froh, eine gute Tat vollbracht zu haben und den Diebstahl des Viehs verhindert zu haben. Ich aber zermarterte mir bereits seit geraumer Zeit den Kopf, wie ich wohl die Anderen dazu bringen konnte, das heruntergebrannte Wohnhaus wieder aufzubauen. Und vor allem, wie sie das bewerkstelligen sollten; denn von Baukunst hatte ich damals wahrlich noch gar keinen Schimmer…

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